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"Die Toten im Sand"  -  Prolog - 1925

Durch seinen preußischen Kaiserbart prustend tauchte Karl Gustav Müller erschrocken auf, weil etwas seinen Fuß berührte. Er konnte sich nicht erinnern, dass es im Großen Entenfängersee hier im Wildpark Schlingpflanzen gab, schwamm er doch fast jeden Morgen hier bis das Eis kam. Er drehte sich um und erblickte etwas das im See schwamm … etwas umwickeltes … dann erkannte er es genau, es war der leblose Körper einer Leiche.


Der ‚Große Entenfängersee‘ befindet sich im Westen des Wildparks bei Potsdam. Hier wurde zuvor im „kleinen“ Pendant von den Hohenzollern vor sehr sehr langer Zeit, genau genommen bis 1714 das begehrte Fleisch von dressierten Enten in dafür extra angelegte Kanäle gelockt und gefangen, ohne dabei Schrot benutzen zu müssen.

Aber wem konnte der arme Tote im Großen Entenfängersee in heutiger Zeit nicht entkommen?

Und woher kommen die Toten im Sand?

 

 

„Noch Tee?“ Madame deutete auf die feine chinesische Teekanne und man konnte durch das dünne Porzellan der Tasse den Schein der Kerzen sehen. Es waren kleine reiskorngroße Ausstanzungen eingelassen, die mit Glasur gefüllt waren, um den Effekt zu erzeugen, es wären tatsächlich Reiskörner im Porzellan. Ihr Gast verneinte, als in diesem Moment der Butler mit einem Räuspern eintrat und seiner Dienstherrin einen Telephonanruf für Inspektor Stein meldete.

Inspektor Stein, Jahrgang 1887 und Sohn eines Schutzpolizisten, hatte sich schnell zur Mordpolizei in Potsdam hoch gearbeitet. Natürlich war er für die kleine Provinzstadt überqualifiziert, aber von den Fällen, die er aufklären konnte, war es dieser eine, dieser ganz besondere, in dem er erstmals in eine ihm ganz unbekannte Welt blickte und jetzt von genau dort eine äußerst kurzweilige Teestunde verließ.

Nachdem Stein in Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Freund Dr. Gernot Hermlich einen Morde in bizarren Kreisen im vergangenen Jahr lösen konnte – was, um es deutlich zu sagen, zu Beginn wirklich nicht einfach war, gestand man ihm von höchster Stelle ein neues Büro, mehr Personal und sogar eine Gehaltserhöhung zu. Sicher wurde dabei nicht vergessen, dass er bei seinen Recherchen die Anwesenheit des einen oder anderen „Gastes“ der Villa M, im Besonderen bei der großen Soiree verschwieg. Dem nicht genug, fragte man ihn sogar aus Berlin an, doch Stein liebte seine kleine Stadt, sein Potsdam.

 

 

 

Während Stein die Villa verließ und dem Grund des Anrufes entgegen eilte, blickte Madame Christine Dobois noch einmal auf das Teeservice welches der Butler auf einem silbernen Tablett hinaus trug und überlegte kurz. Dann ging sie langsam in einen ihrer speziellen Räume, in einen von vielen die sie hatte extra gestalten lassen. Kurz erinnerte sie sich an die Razzia im vergangenen Jahr und die Blicke der Schupos. Einige schlugen ein Kreuz als sie die Räume betraten und vergaßen fast, weshalb sie hier waren. Sie lachte innerlich und öffnete in einem hinteren Flur eine Art kleines Fenster, getarnt als Bild. Die Glasscheibe dahinter war getönt und man konnte von außen nach innen, aber nicht von innen nach außen sehen. Es schien ihr zu gefallen was sie sah und so öffnete sie die Tür zum chinesischen Gemach.

In der Mitte des Raumes befand sich eine Art Teepavillon, der aus Spiegeln bestand, die an den Pfeilern und auch auf der inneren Seite des Daches befestigt waren. Die Wände des Raumes selbst waren mit bestickter Seidentapete dekoriert, die eine idyllische asiatische Flusslandschaft zeigten. In der einen Ecke stand ein Stuhl, seine Sitzfläche, Rücken- und Armlehnen waren mit unzähligen kleinen Stacheln aus Metall übersät. Gegenüber ein kleiner Badezuber, gerade groß genug, um in der Hocke darin zu sitzen. Passend zum Bett eine Kommode mit einer schweren Schublade und zwei Türen, verschlossen mit dem typischen Metallbeschlag. Die ganze Ausstattung, die Seide und das Equipment hatte sie von einem guten Freund erhalten. Dieser lebte zeitweilig in der deutschen Kolonie im chinesischen Tsingtau am Gelben Meer und hatte ein nicht unerhebliches Vermögen durch die Investition in eine Bierfabrik gemacht. Bier sogar in China, nach deutschem Reinheitsgebot gebraut versteht sich.

Als die Japaner die Kolonie übernahmen, konnte er sich und seine Besitztümer noch vor der Übernahme zu Beginn des Großen Krieges 1914 in Sicherheit bringen. Er kam mit gefälschten Papieren an Bord eines Englischen Passagierschiffes und auf weiteren Umwegen zurück nach Deutschland.

Nun lag er nackt in Erinnerungen alter Zeiten schwelgend auf dem großen schwarzen Schildpatt-Bett im Pavillon. Seine Hände und Füße weit gespreizt, waren mit chinesischer Seide umwickelt und die Enden der Tücher an die Pfeiler des Bettes geknotet. In seinem Mund steckte ebenfalls ein Seidentuch, auch seine Augen waren damit verbunden. Auf seinem Körper lag ein größeres Tuch, glänzend mit einem goldenen Drachen auf tiefem satten Rot. Blind und stumm schien es, als würde ihm die missliche Lage mehr als nur gefallen.

„Nun hast du aber genug genossen“ sagte sie leise und dann mit etwas mehr Sarkasmus in der Stimme während sie mit ihrer Hand über die Seide auf seiner Haut strich, „Zeit den Preis dafür zu zahlen, und das mit genau dem Gegenteil. Du freust dich doch schon?“

„Mmmmpf ...“ kam aus des Mannes verstopfter Kehle und während Christine ihn auf den ‚Stuhl der Wahrheit‘ mit unzählig vielen Stacheln setzte noch ein „Grrrrrr ...“




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