"Les Mémoires de Madame"
Madame Christine Dobois, geboren in Paris 1889, verlor ihren Ehemann bei einem Autorennen, an welchen er zu seinem privaten Vergnügen teilzunehmen pflegte. Als Witwe keiner Konvention mehr unterworfen, ging sie nach Deutschland, wo sie niemand kannte und kaufte die Villa M.
Schon immer bestimmten Dingen sehr aufgeschlossen, kannte sie hingegen die französischen Etablissements wie das ‚Le Chabanais‘ sehr gut, denn sie war mit der irischen Besitzerin Madame Kelly befreundet, was ihrem Ehemann zu seinen Lebzeiten natürlich gar nicht gefiel. Deshalb musste sie ihre Treffen meist heimlich gestalten.
Das Le Chabanais! Ja, das war DAS Etablissement für den geneigten Herrn seit des Jahres 1878 bis zum heutigen Tage im Pariser Börsenviertel. Ein unglaublicher Prunk und Protz in allem Räumen und Gäste des höchsten Ranges: royale, politische, oder einfach nur sehr sehr reiche Industrielle. Jeder wusste ganz genau, dass sogar Prinz Edward in diesem äußerst noblen Bordell verkehrte. Aber hiermit nicht genug, frühe Hollywoodstars und sogar Bischöfe hatten hier ihre Stelldichein. Auch wenn dem allgemeinen Pöbel dies alles nicht unbekannt war, bemühte sich das Personal um absolute Diskretion. Und genau deshalb waren solcherlei Gäste allein Werbung genug und die Ausstattung dieses Hauses komplementierten den unglaublichen Erfolg. Von Seiten des Gesetzes gab es hier in Frankreich keinerlei Befürchtungen. Es war ein Teil der Pariser, ein Teil der französischen Kultur.
Konnte man sich vorstellen inmitten eines Hauses eine Grotte mit einem Wasserfall zu sehen? Einem Zimmer, gleich dem Taj Mahal im edelsten weißen Marmor mit Intarsien aus Halbedelsteinen? Einer schwanenumschwungenen Badewanne, einzig und allein für die Befüllung mit bestem Champagner? Auf mehreren Etagen und unzähligen Räumen hatte man hier jede Phantasie in mehr als nur Luxus Realität werden lassen.
Es war, als hätte man verschiedene Arten von Filmkulissen aufgebaut, um dem Besucher eine surreale Welt darzubieten, in der sie ihren Gelüsten nachgehen konnten. Denn wo fand man schon eine nachgebildete Schiffskajüte mit Bullauge? Und wem dies alles nicht genügte, ein Raum, und zwar das japanische Zimmer, gewann während der Weltausstellung 1900 einen Preis. Welch freie Welt!
Christine fragte sich oft, ob diese eher Kapitäne, Matrosen oder solche anlockte, die dies gern gewesen wären?
Auf jeden Fall war sie immer beeindruckt und fasziniert von allem und jedem.
Immer wenn sie Madame Kelly besuchte, verstärkte sich Madame Dobois Traum, ein ebensolches ‚Haus‘ zu besitzen, doch mit einem Ehemann wie ihrem, wäre es schier unmöglich gewesen, dies einmal wahr werden zu lassen. Dann, als Witwe und keiner Konvention mehr unterworfen, ging sie nach Deutschland, wo sie niemand kannte und kaufte die Villa M.
Am Ende hatte ihr Ehemann doch noch ihren Traum realisiert, denn sie erbte ein nicht unerhebliches Vermögen von ihm, welches sie mit Freude in die Villa investierte. Nichts sollte unmöglich, zu schwer zu beschaffen oder gar zu aufwendig sein. Und das war der Grund weshalb auch hier in der Provinz einzig durch Mundpropaganda innerhalb kürzester Zeit ihr ‚Haus‘ zu dem geworden war, was es heute ist. Für die Provinz, für Besucher der Reichshauptstadt und sogar über die Grenzen des Deutschen Reichs weit hinaus.
Und hier war es auch, als sie zum ersten Mal ihrer lange nicht offenkundigen Leidenschaft nachgehen konnte: dem Spiel mit masochistischen Männern.
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